17.400 getötete Wale in Europa – und die EU schaut zu

40 Jahre Walfangverbot, trotzdem jagen Norwegen und Island weiter

München / Brüssel, 20. Juli 2022. Die Tier- und Artenschutzorganisation Pro Wildlife fordert die EU auf, gegen den kommerziellen Walfang in Europa vorzugehen. Zwar beschloss die Internationale Walfangkommission (IWC) vor genau 40 Jahren ein weltweites Moratorium für den kommerziellen Walfang, doch seither wurden allein in europäischen Gewässern mindestens 16.500 Zwergwale und mehr als 880 Finnwale gejagt. „Die Vorbereitungen für die nächste IWC-Tagung im Oktober müssten jetzt laufen, doch die EU bleibt passiv und versäumt es, die Einhaltung des Moratoriums einzufordern“, kritisiert Dr. Sandra Altherr. „Norwegen hat allein in den letzten Wochen wieder etwa 500 Wale getötet; in Island starben seit Mitte Juni erneut mindestens 30 Finnwale.“

Bedeutung des Walfangverbotes

Mehr als 1,3 Millionen Walen hat es das Leben gerettet: Das kommerzielle Walfangverbot wurde am 23. Juli 1982 beschlossen und trat 1986 in Kraft. Berechnungen von Pro Wildlife zeigen: Erst das Moratorium beendete den industriellen Walfang weitestgehend und rettete seither mehr als 1,3 Millionen Walen das Leben. „Das Walfangverbot ist einer der größten Erfolge, die jemals im internationalen Artenschutz erzielt wurden“, so Dr. Sandra Altherr, Biologin und Meeresexpertin von Pro Wildlife. „Seither ging die Zahl getöteter Wale im Vergleich zu den 1970er Jahren um mehr als 96 Prozent zurück.“

Walfang in Europa und die Rolle der EU

Doch zwei europäische Länder ignorieren und unterlaufen das Walfangverbot: Norwegen und Island berufen sich auf ihren formaljuristischen Einspruch gegen das Moratorium. „Seit mehr als 20 Jahren schweigt die IWC dazu – und ein Vorgehen der EU gegen den Walfang vor der eigenen Haustür ist überfällig, z.B. in dem sie für die IWC eine scharfe Resolution einbringt“, so Altherr. Norwegen hat sich in den letzten Jahren sogar zum mit Abstand größten Walfangland weltweit entwickelt und Island ist das einzige Land der Welt, das noch immer Finnwale bejagt, die zweitgrößte Tierart der Erde.

25 der 27 EU-Mitgliedsstaaten sind auch Vertragsstaaten der IWC – damit ist die EU bei Abstimmungen der IWC der wichtigste Stimmenblock. „Australien und Neuseeland, wie auch die Länder in Lateinamerika erwarten, dass die EU die Initiative ergreift, um den kommerziellen Walfang in Europa zu beenden,“ berichtet Altherr, die für Pro Wildlife seit mehr als 20 Jahren an der IWC teilnimmt. In der EU selbst sind Wale strengstens geschützt.

Die nächste IWC-Tagung findet vom 13. bis 21. Oktober in Portoroz, Slowenien, statt. Formale Anträge und Resolutionen (wie beispielsweise gegen kommerziellen Walfang) müssen bis 90 Tage vor Beginn der IWC eingereicht werden.

Hintergründe zur IWC und zur Bedeutung des Moratoriums:

  • Im Zeitraum 1900 bis 1940 töteten Walfänger mehr als 860.000 Wale; v.a. die Bestände der größten Walarten brachen nacheinander ein.
  • Am 2. Dezember 1946 wurde die „Internationale Konvention zur Regulierung des Walfangs“ (englisch ICRW) gegründet, über deren Umsetzung die Internationale Walfangkommission (IWC) wacht.
  • Zunächst war die IWC ein Club weniger Walfangländer, die die sinkenden Walbestände unter sich aufteilen wollten. Die Jagd auf die Meeresriesen stieg in den 1950er Jahren sogar weiter an.
  • In den 1960er Jahren erreichte der industrielle Walfang seinen Höhepunkt: Mehr als 700.000 Meeresriesen wurden während dieser Dekade gejagt. Ein Quotensystem der IWC wurde ausgetrickst; Länder wie die Sowjetunion und Japan fälschten ihre Fangstatistiken und unterschlugen abertausende Wale.
  • Erst Mitte der 1970er Jahre wurde der Walfang durch Medienberichte zum öffentlichen Thema und löste weltweite Proteste aus.
  • 1975 gehörten einige Wale zu den ersten Arten, für die das frisch gegründete CITES*-Artenschutzabkommen ein internationales Handelsverbot beschloss. Dies reduzierte die Waljagd gegenüber den 1960er Jahren beträchtlich.
  • 1982 beschloss die IWC ein Moratorium für den kommerziellen Walfang, das 1986 in Kraft trat und zunächst nur vorläufig gelten sollte, doch seither als kommerzielles Walfangverbot besteht. Nur Norwegen, Island und Japan unterwandern diesen Beschluss.
  • 2014 befand der Internationale Gerichtshof, dass Japans „Wissenschaftswalfang“ in der Antarktis gegen die IWC-Regeln verstieß. Japan reduzierte die Antarktisjagd daraufhin und kämpfte weiterhin gegen das Moratorium. Als dies 2018 erneut scheiterte, verließ Japan 2019 die IWC – beendete jedoch die Waljagd in der Antarktis und hat seither die Waljagd annähernd halbiert.
  • Eine formale Resolution der IWC gegen den kommerziellen Walfang Norwegens, Islands (und Japans) wäre ein längst überfälliger Appell an die drei Länder, Entscheidungen der internationalen Staatengemeinschaft endlich zu akzeptieren.

* Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora

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